Steingesicht mit geschlossenen Augen in Steinwand

Perfektionismus: Wenn gut nie gut genug ist

August 06, 20253 min read

Das Problem ist nicht das Problem.
Das Problem ist die Einstellung zum Problem.

Perfektionismus – Wenn gut nie gut genug ist

…und warum das oft nichts mit „höchsten Standards“ zu tun hat

„Ich will es nur gut machen.“
Klingt gesund. Klingt ambitioniert.
Bis aus „gut“ plötzlich „perfekt“ wird – und aus Freude Druck.

Perfektionismus fühlt sich an, als würdest du auf einem Laufband rennen, das nie stoppt:
Egal wie schnell du läufst, das Ziel zieht immer einen Schritt weiter weg.

Wo fängt das an? Meist früher, als wir denken.

Viele Perfektionisten berichten, dass der Samen schon in der Kindheit gepflanzt wurde.
Nicht durch klare Anweisungen wie „Sei perfekt!“, sondern durch kleine, wiederkehrende Botschaften:

·       „Du machst das nicht richtig.“

·       „So schlampig mag ich das nicht.“

·       „Schau mal, deine Schwester kann das viel schöner.“

Kinder lernen schnell, Liebe und Anerkennung mit Leistung zu verknüpfen.
Botschaft:
„Ich muss gut sein, sonst werde ich nicht geliebt.“
Das ist kein bewusster Prozess – es ist eine emotionale Verknüpfung, die sich tief im Nervensystem eingräbt und durchaus Spuren und Narben in zarten Kinderseelen hinterlässt.

Als Erwachsene tragen wir diese Verbindung oft unbemerkt weiter. Wir glauben, „hohe Ansprüche“ zu haben – tatsächlich versuchen wir, unsere Daseinsberechtigung zu sichern.

Warum Perfektionismus nicht nur nervt, sondern bremst

1.             Er killt Kreativität
Wenn du Angst hast, Fehler zu machen, gehst du kein Risiko ein – und bleibst im sicheren, kleinen Rahmen.

2.             Er macht langsam
Perfektionisten feilen an Details, während andere längst fertig sind und Neues anfangen.

3.             Er erschöpft
100 % kostet nicht doppelt so viel Energie wie 50 % – sondern oft viermal so viel.

4.    Er verzerrt das Selbstbild
Fehler werden übergroß, Erfolge klein geredet.

Aber: Anspruch ist nicht das Problem

Es ist völlig in Ordnung – sogar gesund –, etwas gut machen zu wollen.
Der Unterschied:

·       Gesunder Anspruch: „Ich will mein Bestes geben, und das Beste ist heute eben so.“

Perfektionismus: „Mein Bestes ist nie gut genug – und erst wenn es perfekt ist, darf ich zufrieden sein.“

Erste Schritte raus aus der Perfektionsfalle

1) Die alte Verknüpfung erkennen

Frage dich: „Was glaube ich zu verlieren, wenn ich etwas nicht perfekt mache?“
Oft tauchen Antworten auf wie: „Dann mögen sie mich nicht.“ – „Dann bin ich nicht gut genug.“
Das ist dein inneres Kind, das noch glaubt, Liebe müsse man verdienen.

2) „Gut genug“ neu definieren

Mach es messbar – und mach’s kleiner.
Beispiel:

·       Perfektionistisch: „Das Geburtstagsessen muss perfekt sein.“

·       Gesund: „Alle sollen satt und halbwegs zufrieden sein – und ich auch.“

3) Fehler normalisieren

Schau dich um: Jede Tasse hat einen kleinen Kratzer, jeder Kuchen eine andere Bräunung.
„Fehler“ sind oft das, was etwas menschlich und liebenswert macht.

4) Lob nicht nur ans Ergebnis knüpfen

Feiere auch Einsatz, Mut, Kreativität – selbst wenn das Ergebnis nicht „glänzt“.

5) Kleine Dosen „unperfekt“ üben

·       Einen Kuchen backen und nicht verzieren.

·       Eine Nachricht schicken, ohne zehnmal zu lesen.

·       Gäste einladen, ohne vorher die Wohnung zu putzen (ja, das geht).

6) „Was wäre schlimmstenfalls?“-Frage

Perfektionisten leben oft in der Angst vor einem nebulösen „Schlimm“.
Schreib’s auf: Was würde
wirklich passieren, wenn es nicht perfekt ist?
Meist ist es weniger dramatisch, als dein Kopf befürchtet.

Und die Kindheitsbotschaften?

Du kannst sie nicht ungeschehen machen – aber du kannst neue schreiben:

·       „Ich bin liebenswert, auch wenn etwas nicht perfekt ist.“

·       „Meine Anstrengung zählt – nicht nur das Ergebnis.“

·       „Ich darf Fehler machen und trotzdem dazugehören.“

Jedes Mal, wenn du bewusst einen kleinen Makel stehen lässt, schreibst du diese Sätze in dich hinein.

Vielleicht wirst du nie der Mensch, der eine schiefe Torte backt und es völlig egal findet.
Aber vielleicht wirst du der Mensch, der bei einer kleinen Schieflage denkt:
„Passt schon – schmeckt trotzdem.“
Und das ist oft die schönste Form von Perfektion.

Heilpraktikerin für Psychotherapie, Hypnosetherapie, Hypnoseausbildungen

Andrea Blume

Heilpraktikerin für Psychotherapie, Hypnosetherapie, Hypnoseausbildungen

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